Informationen über die Essstörung ARFID
Wichtiger Hinweis:
Die Inhalte dieser Website dienen ausschließlich der allgemeinen Information über die Essstörung ARFID. Sie ersetzen keine ärztliche, psychotherapeutische, ernährungsmedizinische oder sonstige fachliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Wenn Sie vermuten, dass Sie selbst oder eine nahestehende Person von ARFID betroffen sind, wenden Sie sich bitte an eine qualifizierte Fachperson.
Wir erstellen unsere Inhalte sorgfältig auf Grundlage des zum Zeitpunkt der Veröffentlichung verfügbaren wissenschaftlichen Kenntnisstands. Die verwendeten Quellen sind am Ende dieser Seite aufgeführt. Medizinisches Wissen entwickelt sich kontinuierlich weiter. Daher können wir trotz sorgfältiger Prüfung keine Gewähr dafür übernehmen, dass alle Inhalte jederzeit vollständig, richtig und auf dem neuesten Stand der Forschung sind. Maßgeblich für medizinische Entscheidungen ist stets die individuelle Beurteilung durch qualifizierte Fachpersonen.
Was ist ARFID?
Die Avoidant/Restrictive Food Intake Disorder (ARFID) – auf Deutsch Vermeidende/Restriktive Essstörung – ist eine anerkannte Essstörung. Sie wurde 2013 in das Diagnostische und Statistische Manual Psychischer Störungen (DSM-5) aufgenommen und ist seit 2022 auch in der Internationalen Klassifikation der Krankheiten (ICD-11) enthalten.
Menschen mit ARFID nehmen über einen längeren Zeitraum deutlich weniger oder eine wesentlich geringere Vielfalt an Lebensmitteln zu sich, als für eine ausgewogene Ernährung notwendig wäre. Die Gründe dafür sind individuell verschieden und können beispielsweise mit einer starken sensorischen Empfindlichkeit gegenüber bestimmten Eigenschaften von Lebensmitteln, einer Angst vor negativen Folgen des Essens oder einem geringen Interesse an Nahrung zusammenhängen. Dies kann in Folge zu einem eingeschränkten Nahrungskonsum, ernährungsbedingten Nährstoffmängeln und sozialen Schwierigkeiten führen.
Im Gegensatz zu anderen Essstörungen wie der Anorexia nervosa oder Bulimia nervosa steht bei ARFID keine Sorge um Körpergewicht oder Körperform im Vordergrund.
Wie äußert sich ARFID?
ARFID kann sich sehr unterschiedlich zeigen. Nicht jede betroffene Person erlebt die gleichen Schwierigkeiten.
Zu den häufigsten Merkmalen gehören:
- eine stark eingeschränkte Auswahl akzeptierter Lebensmittel,
- das Vermeiden bestimmter Konsistenzen, Gerüche, Geschmäcker oder Farben,
- Angst vor dem Verschlucken, Erbrechen oder anderen unangenehmen Erfahrungen beim Essen,
- ein geringes Hungergefühl oder wenig Interesse am Essen,
- erheblicher Stress in sozialen Situationen, in denen gemeinsam gegessen wird.
Die Einschränkungen gehen über gewöhnliches wählerisches Essverhalten hinaus und können den Alltag, die Gesundheit oder das soziale Leben deutlich beeinträchtigen.
Die Aversion gegenüber bestimmten Nahrungsmitteln kann sich auf verschiedene Weisen zeigen, es wird aber überwiegend ein Gefühl von Ekel oder Angst von den Betroffenen beschrieben.
Einige können die betreffende Nahrung nicht einmal berühren oder riechen; viele erleben aber jedenfalls einen unkontrollierbaren Brech- oder Würgereiz, sobald sie das entsprechende Lebensmittel im Mund haben. Bei einigen kommt es tatsächlich zum Erbrechen, während bei anderen bereits Geschlucktes im Magen bleibt und es zu einem "leeren" Würgen kommt, ähnlich wie beim Rachenabstrich beim Arzt. Das Essen trotz Brechreiz zu schlucken, ist in der Regel nicht möglich.
Es erfordert erhebliche Überwindung, sich auf unbekannte Nahrung oder Gerichte einzulassen, da die Betroffenen entweder bereits aufgrund der visuellen, haptischen oder olfaktorischen Eigenschaften angewidert sind oder sich vor dem Auftreten eines Brechreizes beim Essen fürchten.
Für viele Eltern, Pädagogen, Ärzte und Therapeuten stellt es eine Herausforderung dar zu erkennen, ob es sich bei einem Kind lediglich um eine vorübergehende Phase des "picky eating" (= wählerisches Essverhalten) handelt, die sich mit der Zeit "verwächst", oder ob eine ernsthafte Essstörung vorliegt.
ARFID Betroffene sind äußerlich nicht von Nicht-Betroffenen zu unterscheiden. Viele haben ein normales Gewicht, einige weisen Untergewicht auf, weil sie Schwierigkeiten haben, genug Nahrungsmittel zu finden, die sie essen können, während andere wiederum übergewichtig sind, weil sie ausschließlich ungesunde Lebensmittel akzeptieren. Das Köpergewicht ist daher kein eindeutiger Indikator für diese Essstörung.
Betroffene haben auch keine gestörte Körperwahrnehmung oder den Wunsch, einem bestimmten Körperbild zu entsprechen.
Einige Betroffene zeigen aufgrund ihrer einseitigen Ernährung einen Mangel an Mineralstoffen und Vitaminen im Blut, was möglicherweise zu körperlichen Beschwerden führen kann.
ARFID stellt für die Betroffenen in der Regel eine erhebliche (sozial-)psychische Belastung dar. Oft empfinden sie Unbehagen beim Essen in Gesellschaft, da sie nicht möchten, dass ihre speziellen Essgewohnheiten bemerkt oder kommentiert werden. Einige meiden deshalb gemeinsame Restaurantbesuche oder Urlaube mit Freunden und Kollegen, lehnen Essenseinladungen ab und ziehen sich immer mehr zurück.
Aber auch gerade im engsten Kreise, wie in der Familie oder Partnerschaft, stellt das Essverhalten nicht selten eine Belastung dar. Denn oft werden sich Sorgen gemacht, dass die einseitige Ernährung zu Mangelerscheinungen führen könnte, oder das Umfeld schränkt sich selbst in der Ernährung ein, um bspw. nicht doppelt kochen zu müssen. Für Nicht-Betroffene ist es oft schwer, die Essstörung zu verstehen und das führt oft zu Konflikten und angespannter Stimmung im Alltag.
Vorkommen/Verbreitung und Verlauf
Die Essstörung ist geschlechtsunabhängig und kann in allen Altersgruppen auftreten. Sie manifestiert sich oft während der Einführung von Beikost, kann aber je nach Ursachen in jedem Lebensabschnitt entstehen und bis ins Erwachsenenalter fortbestehen. Leider ist diese Form der Essstörung noch nicht ausreichend bekannt, besonders in Deutschland im Vergleich zum englischsprachigen Raum. Daher gibt es begrenzte Informationen über die Verbreitung von ARFID, und die Dunkelziffer der Betroffenen ist hoch. Aufgrund mangelnden Bewusstseins werden viele Menschen mit dieser Essstörung fälschlicherweise als "kompliziert", "mäkelig" oder "picky eaters" abgestempelt.
Wodurch entsteht ARFID?
Nach heutigem Forschungsstand entsteht ARFID durch das Zusammenwirken verschiedener biologischer, psychologischer und sozialer Faktoren. Eine einzelne Ursache gibt es nicht.
Mögliche Einflussfaktoren sind unter anderem:
- eine ausgeprägte sensorische Empfindlichkeit,
- belastende Erfahrungen beim Essen, beispielsweise Verschlucken oder Erbrechen,
- Angststörungen,
- Unterschiede in der Wahrnehmung von Hunger- und Sättigungssignalen,
- neuroentwicklungsbedingte Besonderheiten, beispielsweise im Zusammenhang mit Autismus oder ADHS.
Welche Folgen kann ARFID haben?
Die Auswirkungen von ARFID sind sehr unterschiedlich. Während manche Menschen trotz einer stark eingeschränkten Lebensmittelauswahl ausreichend versorgt sind, entwickeln andere gesundheitliche oder psychosoziale Folgen.
Mögliche Auswirkungen sind:
- Nährstoffmängel,
- Abhängigkeit von Nahrungsergänzungsmitteln oder medizinischer Ernährung,
- Gewichtsverlust oder ausbleibende altersgerechte Gewichtszunahme,
- Übergewicht aufgrund unausgewogener Ernährung,
- Einschränkungen im Familienleben oder bei gemeinsamen Mahlzeiten,
- Belastungen in Schule, Beruf oder Freizeit.
Wie wird ARFID behandelt?
Die Behandlung richtet sich nach Alter, individuellen Ursachen und dem Schweregrad der Erkrankung.
Je nach Situation können verschiedene Fachrichtungen zusammenarbeiten, beispielsweise:
- Psychotherapie,
- Ernährungsberatung,
- Kinder- und Jugendmedizin,
- Psychiatrie,
- Ergotherapie oder Logopädie, wenn sensorische oder orale Schwierigkeiten im Vordergrund stehen.
Ziel der Behandlung ist unter anderem,
- die Ernährung schrittweise zu erweitern,
- Mangelernährung vorzubeugen oder zu behandeln,
- Ängste rund um das Essen zu verringern,
- und die Teilhabe am Alltag zu verbessern.
Welche Behandlung am besten geeignet ist, sollte individuell gemeinsam mit den behandelnden Fachpersonen entschieden werden.
Häufige Missverständnisse
"ARFID ist nur wählerisches Essen."
Nein. Viele Kinder durchlaufen Phasen, in denen sie bestimmte Lebensmittel ablehnen. Bei ARFID sind die Einschränkungen jedoch deutlich ausgeprägter, bestehen meist über längere Zeit und führen zu gesundheitlichen, sozialen oder psychischen Beeinträchtigungen.
"Menschen mit ARFID wollen einfach nicht essen."
ARFID ist keine Frage von Willenskraft. Die Schwierigkeiten entstehen durch reale psychische und körperliche Prozesse und können für Betroffene sehr belastend sein. Mangelndes Verständnis und unüberlegte Äußerungen („Jetzt stell dich nicht so an“, „Das schmeckt sooo lecker, probier' doch wenigstens mal, sonst kannst du ja gar nicht wissen, ob du es magst“) sind daher kontraproduktiv und einfach übergriffig. Betroffene, einschließlich Kinder, die an ARFID leiden, lassen sich auch nicht bestechen. Die angebotene Belohnung steht in keinem angemessenen Verhältnis zu ihrer Angst, ihrem Ekel und der Überwindung.
"Nur Kinder haben ARFID."
ARFID beginnt häufig im Kindesalter, kann aber auch Jugendliche und Erwachsene betreffen. Viele Erwachsene leben bereits seit Jahren mit den Symptomen, bevor sie eine passende Diagnose erhalten.
"Man wächst da schon heraus."
Einige Kinder entwickeln mit der Zeit ein breiteres Essverhalten. Bestehen jedoch deutliche Einschränkungen oder gesundheitliche Folgen, sollte eine fachliche Abklärung erfolgen.
"Einfach mal hungern lassen, dann wird das Kind schon irgendwann essen."
Betroffene "hungern lassen" („Du isst das jetzt oder du isst gar nichts.") oder zum Essen zwingen oder erpressen („Du musst das essen! Sonst passiert XY“) führen zu erheblichem Vertrauensverlust und neuen traumatischen Erlebnissen. Das Verhältnis zum Essen wird dadurch noch gestörter und die Aussicht auf Besserung noch geringer. Ähnliches gilt, wenn Betroffene mit ihren Essgewohnheiten bloßgestellt oder verspottet werden.
Quellen & weiterführende Informationen
Literatur:
- American Psychiatric Association (APA). (2013). Diagnostic and statistical manual of mental disorders (DSM-5). Washington, DC: American Psychiatric Association.
- Fisher, M.M., Rosen, D.S., Ornstein, R.M., et al. (2014). Characteristics of Avoidant/Restrictive Food Intake Disorder in Children and Adolescents: A «New Disorder» in DSM-5. Journal of Adolescent Health, 55(1), 49–52.
- Hartmann, A.S. (2021). Die Störung mit Vermeidung oder Einschränkung der Nahrungsaufnahme. Psychotherapeutenjournal, 2/2021, 134-143. https://www.psychotherapeutenjournal.de/ptk/web.nsf/id/li_ausgabe-2-2021.html
- Nicely, T.A., Lane-Loney, S., Masciulli, E., Hollenbeak, CS., Ornstein, R.M. (2014). Prevalence and characteristics of avoidant/ restrictive food intake disorder in a cohort of young patients inday treatment for eating disorders. Journal Eating Disorder, 2(1), 21.
- Ornstein, R.M., Essayli, J.H., Nicely, T.A., Masciulli, E., Lane-loney, S. (2017). Treatment of avoidant/restrictive food intake disorder in a cohort of young patients in a partial hospitalization program for eating disorders. International Journal Eating Disorders, 50(9), 1067–1074.
- Thomas, J. J. & Eddy, K. T. (2019). Cognitive-behavioral therapy for avoidant/ restrictive food intake disorder. Cambridge, UK: Cambridge University Press.
- Thomas, J.J., Lawson, E.A., Micali, N., Misra, M., Deckersbach, T., Eddy, K.T. (2017). Avoidant/Restrictive Food Intake Disorder: a Three-Dimensional Model of Neurobiology with Implications for Etiology and Treatment. Current Psychiatry Reports, 19(8), 54.
Websites:
- https://icd.who.int/browse/2025-01/mms/en#1242188600
- https://behavioralmedicine.net/arfid/
- https://www.msdmanuals.com/de-de/heim/psychische-gesundheitsstörungen/essstörungen/vermeidende-restriktive-essstörung
- https://www.msdmanuals.com/de-de/profi/psychische-störungen/essstörungen/vermeidende-restriktive-essstörung-arfid?query=Vermeidenderestriktive%Essstörung